#31 - Warum sind Stolpersteine so wichtig?
Shownotes
Der Stadtrat von Heidenau hat sich am 25. September dieses Jahres gegen weitere Stolpersteine im öffentlichen Straßenraum ausgesprochen. Mit zwei neuen Messingtafeln im Gehweg wollte das Alternative Kultur- und Bildungszentrum (Akubiz) in Heidenau an Fritz und Martha Goldstein erinnern. Das Ehepaar war 1938 zusammen mit ihrem Kind verhaftet, enteignet und nach Polen abgeschoben worden. Sie überlebten den Krieg, aber nur Fritz Goldstein kehrte nach Heidenau zurück. Er engagierte sich unter anderem bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. 1950 verstarb er. Wegen des Verbots für das weitere Verlegen von Stolpersteinen wird an die Familie (vorerst) nicht mit dieser Form des Gedenkens erinnert. Vera Linß ordnet mit dem Historiker Dr. Johannes Spohr diese Entscheidung ein und spricht mit ihm darüber, was sie für unsere Erinnerungskultur bedeutet.
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00:00:15: Herzlich willkommen zu Titelstoy, dem Podcast der Rosa Luxemburg-Stiftung Sachsen.
00:00:21: Mein Name ist Vera Linz und ich bin im Gespräch mit Johannes Spohr.
00:00:25: Er ist promovierter Historiker und führt den Archivrecherchedienst Present Past, der auf Recherchen zum Nationalsozialismus in Familie und Gesellschaft spezialisiert ist.
00:00:35: Hallo!
00:00:36: Guten Tag!
00:00:38: Anders für unser Gespräch ist, dass der Stadtrat von Heidenau am fünfundzwanzigsten September dieses Jahres beschlossen hat, künftig keine neuen Steuerbarsteine im öffentlichen Straßenraum zuzulassen.
00:00:49: Eine Entscheidung die weiter für Diskussionen sorgt!
00:00:52: Wir wollen diesen Beschluss einordnen in die aktuelle Erinnerungskultur in Deutschland.
00:00:58: Aber bevor wir das tun, möchte ich gern zurückblicken.
00:01:01: Die Stolpersteine haben ja eine längere Geschichte.
00:01:04: der erste wurde in Köln verlegt damals noch ohne offizielle Genehmigung.
00:01:10: In Berlin gab es die ersten Stolpesteine aus dem Jahr neunzeigundneinzig, welche Dimensionen hat diese Form des Gedenken heute?
00:01:18: Ja, also Stolpersteine gibt es inzwischen in zweiunddreißig europäischen Ländern und die erinnern eben vor Wohnhäusern, Geschäften, Universitäten, Schulen, Ratshäuseren usw.
00:01:30: an mittlerweile über hundertzwanzigtausend Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Opfergruppen der im Nationalsozialismus verfolgten Menschen kommen.
00:01:41: In Heidenau gibt es bisher fünf Stolpersteine, einmal vier für die Familie Reimer und einen für den ehemaligen Bürgermeister Paul Kröger.
00:01:52: Und wie gesagt dieses Projekt geht inzwischen über den deutschen Rahmen auch hinaus – ich war selber im Oktober letzten Jahres bei einer Stolparsteinverlegung in der Ukraine zum Beispiel was sehr beeindruckend war also wieder sogar unter den Bedingungen des Krieges noch recherchiert wird zu dem damaligen Verfolgten und auch diese Stolpertsteine dort verlegt wurden.
00:02:12: Es gab ja vor den Stolpersteinen auch schon andere Formen, wie man an die Ermordung von Menschen erinnert hat.
00:02:18: Die zwischen nineteen dreivunddreißig und neunzeintfünfundvierzig von den Nationalsozialisten verfolgt, deportiert, ermordet in den Suizidgetrieben oder in die Flucht gezwungen worden sind.
00:02:30: es geht also hier nicht nur um jüdische Mitbürger auch bei den Stölperstein.
00:02:35: Was war denn die Intention eine weitere Form der Erinnerung zu schaffen?
00:02:41: Wie sind diese Stolpersteine überhaupt aufgekommen?
00:02:44: Gunther Dämmnig, der Initiator dieser Stolparsteine hat ja in den Jahr neunzehnt neunzig mit Farbe eine Schriftspur durch Köln gezogen um eben an die Deportation von etwa tausend Centi und Roma im Mai neunzentviertzig zu erinnern.
00:02:58: Und dieses Spur hat verschiedene Orte in der Stadt mit dem damaligen Deportationsort verbunden und er wollte damit diese Verbrechen auch sichtbar machen.
00:03:08: Und im Grunde ist aus dieser Initiative, im weiteren Verlauf eben die Idee von Stolperstein entstanden als dezentrales Gedenken mit eindeutiger inhaltlicher Ramung auch und das aber auch im öffentlichen Raum.
00:03:23: Das ist glaube ich etwas Neues gewesen.
00:03:27: Man muss dazu sagen, dass einer der Gründe für die Steine auf öffentlichem Grund war.
00:03:33: Dass Gunter Demnig vermutet hat, dass es schwieriger werden könnte mit den Hauseigentümern zu Vereinbarungen zu kommen und Plaketten angebracht wird.
00:03:44: Das ist wichtig auch für die Diskussion heute.
00:03:48: Wir haben etwas Dezentrales ... eine Vertiefung an Informationen über einzelne Menschen.
00:03:54: Das heißt, man könnte schon sagen oder würden Sie sagen dass damit das Gedenken wirklich nochmal erweitert werden konnte?
00:04:02: Positiv ist, glaube ich, dass wirklich ganz konkret über die Menschen auch noch recherchiert wird.
00:04:07: Also das ist ja eine eigene Form der Gedenkpraxis wenn man so will.
00:04:11: Dass die Menschen nochmal Namen und Gesichter bekommen aber auch die Biografien soweit denn möglich recherchieren werden.
00:04:18: Und das geht sozusagen weit über das was man auf einem Stolperstein selber lesen kann hinaus und das ist glaube ich auch das was Stolperssteine mit ausmachen.
00:04:27: Wie wird dann das recherchierte?
00:04:28: Wenn Sie sind ja selber auch Rechercheur wie geht man davor?
00:04:33: Das ist grundsätzlich sehr lokal, sehr unterschiedlich.
00:04:35: Ist aber auch eigentlich immer verbunden mit lokalen Initiativen für die Stolpersteine.
00:04:41: In Berlin gibt es beispielsweise eine Koordinierungsstelle für ganz Berlin und dann eben in den Bezirken die jeweiligen Initiatifen, die das auch begleiten.
00:04:50: Das fand ich persönlich hier sehr eindrucksvoll wie das läuft.
00:04:54: Die achten natürlich auch darauf dass einigermaßen wasserfest recherchiert sind.
00:04:59: Also das bestimmte Standards eingehalten werden, dass bestimmte Informationen auf jeden Fall vorhanden sein müssen also die Grunddaten über die Personen aber auch die Klarheit darüber was ist der letzte freiwillig gewählte Wohnort so sagt man das immer wo dann die Steuerbarsteine ja auch verlegt werden.
00:05:17: Teils recherchieren dann ja auch Projekte teils Einzelpersonen mit ganz unterschiedlichen Anliegen Und teilweise kommt, das fand ich hier interessant die Recherche auch eher aus so einer Täterperspektive.
00:05:28: Also dass Menschen zu Täterschaft in einem bestimmten Haus, in einer bestimmten Straße recherchieren und dann natürlich auch auf den verfolgten Stoßen dabei.
00:05:37: Das ist auch immer mal wieder der Fall!
00:05:39: Die Recherchen konkret läuft natürlich in unterschiedlichen Archiven.
00:05:42: Das kann Stadtarchieve sein, Kreisarchive... In Berlin ist es häufig eben das Landesarchiv, dass ja auch diese verschiedenen Aufgaben eines Stadtarchivs oder eines Landesarchives wahrnimmt.
00:05:54: Da sind dann beispielsweise Melderegister interessant so was wie Entschädigungsakten die auch im Landesarchif Berlin liegen von den ehemals verfolgten woher vieles auch noch mal geschildert wird was ihnen widerfahren ist oder eben auch von den Verwandten geschilderd wird.
00:06:09: und die Aarhausen Archive sind sehr wichtig für die Recherche nach Verfolgungshintergründen.
00:06:15: Recht bald kam ja dann auch Kritik an den Stolpersteinen.
00:06:19: aus verschiedenster Perspektive.
00:06:20: Es ging um ästhetische Fragen, es ging um den Text auf den Steinen also was da eingraviert worden ist darum dass sie in den Boden eingelassen sind das man auf Sie rauftreten kann, dass die bestimmte Gruppen unterrepräsentieren.
00:06:35: auch Jüdinnen selbst haben sich kritisch geäußert.
00:06:39: ein Vorwurf lautet etwa dass sei kein Gedenken auf Augenhöhe und diskutiert wurden solche Fragen zum Beispiel in Berlin.
00:06:49: In welchem gesellschaftlichen Klimawohnen damals diese Fragen besprochen?
00:06:55: Also ich muss sagen, dass ich selber an diesen Diskussionen gar nicht aktiv beteiligt war die natürlich aber wahrgenommen habe was glaube ich wichtig ist dazu zu sagen das diese Form der Kritik meistens ja aus den Reihen derjenigen kam und kommt die selber aktiv in der Gedenkarbeit sind also die wirklich diskutieren welche Form sind sozusagen angemessen, welche sind würdig genug um der Opfer zu gedenken.
00:07:21: Und da kann man natürlich zu sehr unterschiedlichen Schlüssen kommen und da gibt es durchaus Kritiken die glaube ich auch nachvollziehbar sind also beispielsweise dass Menschen darauf treten oder das ist eben ja wie sie sagen nicht auf Augenhöhe sei.
00:07:37: Ich muss persönlich sagen dass sich im Laufe der Jahre doch sehr positive Erfahrungen mit dem Projekt Stolpersteine gemacht haben Aufgrund eben dieser Recherchearbeit, die damit verbunden ist und dieser dann doch aktiven Gedenkarbeit.
00:07:50: Es sind häufig eben Projekte in Schulklassen, die sich mit denjenigen beschäftigen, die nicht mehr da sind.
00:07:57: Und das ist dann doch etwas sehr Konkretes sozusagen... Und auch in München zum Beispiel, wo die Stolperstahne ja von der Stadt aus nicht verlegt werden gibt es sehr unterschiedliche Umgangsweisen.
00:08:10: Damit das Wichtige ist glaube ich dass dort immer das Anliegen war trotzdem dezentral in der Stadt an die Verfolgung zu gedenken.
00:08:18: Ich habe zum Beispiel eine Kritik gelesen von einer jüdischen Künstlerin aus der Schweiz.
00:08:22: Das ist auch schon zehn Jahre her, die sagte
00:08:24: z.B.,
00:08:25: ich fordere jeden deutschen Aufsicht zu überlegen wie die Nazis der dreißiger Jahre die Stolpersteine sehen würden.
00:08:32: meiner Meinung nach materialisiert dieses Projekt ihren größten Wunsch schaut wie viele ermordete Juden es gab.
00:08:38: das haben wir geschafft.
00:08:40: Wie bewerten Sie solche Einschätzung?
00:08:43: Ja ich würde erst mal sagen dass das Argument ist nachvollziehbar.
00:08:46: Man könnte es natürlich auch genau andersrum sehen.
00:08:49: Das ist sozusagen auf die Dimension des Verbrechens Hinweis, also gerade dadurch dass so viele Stolpersteine verlegt worden sind.
00:08:56: Viele fehlen ja auch noch und sagen das sind nicht für alle Menschen Stolperssteine verlägt wurden, die verfolgt oder ermordet wurden.
00:09:03: aber gerade der Hinweis auf die dimensionen des Verbrächs ist eigentlich finde ich eher wichtig weil das häufig auch ausbleibt.
00:09:11: Also gerade diese Allgegenwart der Verfolgung Die Stolpersteine selber ja auch immer auf mehr Hinweisen als nur die Verfolgung, denn dazu gehören viele Menschen.
00:09:24: Sie sind mitten im Stadtraum und sie deuten darauf hin, dass diese Menschen dort gewohnt haben.
00:09:29: Und irgendwie muss es ja dazu gekommen sein, dass sie dort nicht mehr wohnen.
00:09:33: Daran sind eben sehr viele Menschen dann auch beteiligt gewesen.
00:09:37: Ich glaube das ist eigentlich ein wichtiger Aspekt.
00:09:43: Ja, also Kritik daran ist glaube ich auch gewünscht kontrovers über diese Dinge zu diskutieren.
00:09:49: Ich glaube so kommt man dann auch zu Ergebnissen und Gedenkpraktiken verändern sich ja immer im Laufe der Zeit und das ist glaub ich auch sehr wichtig dass es nichts Starres ist.
00:09:59: Nun gibt es wieder eine Debatte über die Stolpersteine.
00:10:02: In der sächsischen Stadt Heidenau dürfen Sie, ich hatte das Eingang schon gesagt vorut an nicht mehr verlegt werden.
00:10:08: Die Begründung nahm von NS-Opfern gehören nicht in den Boden wo sie betreten werden könnten.
00:10:15: Das Ressente oder Besondere daran ist Der Antrag stammte zunächst von der AfD und wurde dann am Ende gemeinsam von AFD CDU und der Bürgerinitiative Oberelbe unterstützt.
00:10:30: Wie bewerten Sie diese Entscheidung der Stadt Heidenau, das eben jetzt nicht mehr zugestattet?
00:10:36: Also erstmal finde ich es sehr interessant dass man sich eigentlich die Argumentation der Gegner in der Störpersteine aus München da aneignet.
00:10:46: Man solle ja nicht auf die Opfer treten und ich halte weitestgehend vorgeschoben.
00:10:53: Ich glaube, dass man sich an dieser Präsenz der Stolpersteine stört und gleichzeitig Gibt es ja dieses Ansinnen, jetzt das Gedenken zentral auf den Friedhof zu verbannen?
00:11:09: Also alle Opfer von Krieg und Gewalt.
00:11:12: Und ich glaube auch Terror dort zu gedenken.
00:11:16: Da geht so eine Gleichmachung mit her.
00:11:18: Das ist alles... Alle Opfer sind irgendwie gleich.
00:11:21: Die Spezifik der NS-Verfolgung und der Shoah geht sozusagen verloren.
00:11:27: Interessant ist nebenbei auch das Symbol Friedhof.
00:11:32: Stolpersteine werden natürlich nicht nur für Jüdinnen und Juden verlegt, aber durchaus ja häufig.
00:11:36: Und dass die dann sozusagen auf einen christlichen Friedhof verbannt werden sollen ist natürlich nochmal besonders heikel.
00:11:43: In dem Antrag heißt es man wolle zwar keine Stolpertsteine, aber dafür eine Gedenkfläche auf dem Heidenauer Friedhof für die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus.
00:11:56: Das hat man da noch mal hinten angeschoben.
00:11:58: Aber eigentlich ist meine Vermutung, dass doch der Nationalinselismus und gerade der Hinweis auf dieses Gesellschaftsverbrechen, auf die arbeitsteilige Täterschaft, die damit auch zusammenhängt.
00:12:10: Dass sie eigentlich stört in der Stadt?
00:12:13: Ist das auch so ein Stück Verdrängung eben, dass man es aus dem Blickfeld nehmen will und damit auch aus den Köpfen der Menschen nehmen will, dass über diese Vergangenheit nicht mehr so viel reflektiert wird oder dass man sich so ein bisschen zur Seite schiebt im wahrsten Sinne des Wortes her?
00:12:30: Ja, also erstmal ist es natürlich auch einfach ein autoritäre Eingriff in ein zivilgesellschaftliches Gedenken.
00:12:37: Was ja von unten auch eigentlich initiiert wurde und ich denke durchaus dass die Ortwahl des Gedenkens sehr zentral ist und sehr wichtig.
00:12:47: Also gedenkt man der Opfer im Zentrum des Ortes oder eben auf dem Friedhof oder am Stadtrand oder wo auch immer und ich glaube das ist immer ein Ergebnis von einer Auseinandersetzung.
00:13:00: Das Interessante ist ja, dass es schon fünf Schläufersteine gibt in der Stadt.
00:13:05: D.h.,
00:13:05: es gibt eine gewisse Erfahrung damit auch, dass sie sichtbar sind und das vielleicht aufstößt, dass man ständig daran erinnert wird was dort passiert ist und was im weiteren Verlauf auch passiert ist, was ja auf den Schläuberstein mit verzeichnet ist.
00:13:20: Ja, Deportationsort usw.
00:13:22: Und ich glaube auch, das ist da herrührt, vielleicht Gedanken darüber macht, was wird denn noch kommen und wie sehr er uns das sozusagen belasten oder daran erinnern.
00:13:32: Also interessant fand ich wirklich, was René Kirsten dazu gesagt hat.
00:13:36: Er ist im Heidenauer Stadtratteil der Bürgerinitiative Oberelbe für meine Demokratie und hat eben diesen Antrag eingebracht Und unter anderem diese Stolpersteine kommentiert.
00:13:49: damit befürchte vergoldete Straßen Weißt ja eigentlich noch mal einerseits oft die tatsächliche Dimension der Verbrechen hin, aber auch auf eine gewisse Fantasie.
00:14:00: Die man sich immer macht oder auch eine Angst, die man hat überall jetzt an diese Verbrechung erinnert zu werden mit diesen vermeintlichen vergoldeten Straßen.
00:14:09: und René Kirsten hat auch gesagt Man dürfe der Opfer nicht vergessen, die in den Krieg gezwungen wurden wie unter anderem der Wehrmacht und sein eigener Großvater sei eben einer von denen gewesen.
00:14:19: Also er sagt, der sei unter Zwang einberufen worden wäre ja gleich sonst erschossen worden.
00:14:25: also auch so eine übliche Legende dazu und fragt dann ist ein Menschenleben weniger wert als ein anderes?
00:14:32: Also seinen Großvaters habe sozusagen nicht in den Krieg gewollt Und ich zitiere ihn nochmal Er war nicht weniger wert nur weil er nicht jüdisch war.
00:14:42: Das zeigt ja sogar so eine gewisse Form von Opferkonkurrenz vielleicht auch auf.
00:14:47: Also die Juden haben jetzt überall ihr Gedenken, die bekommen am Ende ihre vergoldeten Straßen sogar, also das ist auch eine durchaus schwierige Konfliktation.
00:14:58: und an die Opfer in der Wehrmacht an die gedenkt eben niemanden.
00:15:02: Wie bewerten Sie diese Opferkonkurrenzen?
00:15:05: Erst mal muss man ja sagen dass das Gedenk an gefallene Wehrmahtsoldaten, also gerade an gefallene sehr präsent ist in Deutschland.
00:15:14: Also diese Gedenksteine, Gedenktafeln an die gefallenen Soldaten aus dem jeweiligen Ort sind wirklich sehr verbreitet und bis heute werden sie gepflegt usw.
00:15:26: Und die sind häufig auch im Zentrum der Orte muss man dazu sagen das ist auch wieder so ein Beispiel dafür und natürlich kommt noch dazu dass man jetzt diese Dinge natürlich auch nicht leichtsetzen kann.
00:15:38: Also, man kann natürlich sagen es gab eine Wehrpflicht in Deutschland die Menschen konnten sich nicht frei entscheiden.
00:15:43: aber interessanter ist doch wo haben sie sozusagen auch mit eigener Motivationen mitgemacht?
00:15:49: und das müsste man ja dann auch erst mal konkret ermitteln und recherchieren wie Menschen sich da eigentlich verhalten haben und woran sie sich beteiligt haben.
00:15:57: Und das dann gleichzusetzen mit Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden ist natürlich schon einfach eine Form der Gleichmacherei sozusagen.
00:16:08: Die hier ich für unangebracht hatte.
00:16:11: Nun ist es ja ein Novum, dass einen Stadtbeschließ zu verbieten und diese Steine verlegt werden?
00:16:18: Wie fügt sich das ein in die aktuelle politische Stimmungslage?
00:16:22: Ist es sozusagen auch diesem Zeitgeist gerecht, der ja doch dazu führt dass zumindest bestimmte Teile der Bevölkerung stichwort AfD sehr revisionistisch unterwegs sind.
00:16:34: Also was ich jetzt sehr interessant fand ist, dass zu Heidenau sich Charlotte Knoblauch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeine München und Oberbayern geäußert hat, die ja eigentlich eine scharfe Kritikerin der Stolpersteine in München ist.
00:16:49: Sie hat sich entsetzt geäußert über diesen Vorstoß der CDU und AfD in Heidenau und sagt eben das sei da völlig falsche Weg.
00:16:59: Ich zitiere sie nochmal ich bin entsetzt dass eine demokratische Partei sich dafür hergibt ein so durchsichtiges Manöver der Extremisten von der AfD zu unterstützen.
00:17:09: Würden Sie sagen, das ist ein Angriff auf die Erinnerungskultur?
00:17:14: Also grundsätzlich ist glaube ich immer wichtig wenn wir von Erinnerungskultur sprechen zu definieren was beinhaltet das alles also sind das Regierungsreden an bestimmten Gedenktagen.
00:17:25: Beinhaltet es eben auch die Initiativen vor Ort, die Gedenkstätten und so weiter dass es glaub ich immer sehr schwammig werden will darüber sprechen und ob das nun ein Angriff auf die Erinnerungskultur ist.
00:17:35: Man könnte auch sagen, ja, die AfD möchte eben eine andere Erinnerungskultur oder eine andere erzählung schaffen und ich glaube daran liegt eigentlich die Gefahr.
00:17:45: und prinzipiell würde ich sagen dass es häufig mit dem was wir Erinnerungen Skulpturen nennen dann schwierig wird wenn's konkret wird und das erleben wir da jetzt auch also wenn konkret an Personen erinnert wird im öffentlichen Raum wahrnehmbar für alle Dann ist es sozusagen ein Stürffaktor und das ist was anderes.
00:18:03: Wenn man jetzt am siebenundzwanzigsten Januar eine Räder hält, die vielleicht auch wie üblich sehr passiv formuliert ist, wo nicht vorkommt wer waren denn die Menschen?
00:18:11: Die diese Menschen verfolgt haben
00:18:13: usw.,
00:18:14: wenn man dann eben wie in Heidenau sagt wir verlegen das auf dem Friedhof Und an bestimmte Tage vielleicht und dann wird auch einfach aller die wir unter Opfer subzumieren gedacht und so dann ist das eben die Form von Erinnerungskultur, die man dort vielleicht finden möchte.
00:18:30: Das was glaube ich jetzt unter Beschuss steht ist tatsächlich die Spezifik des Gedenkens an die NS verfolgten und auch an die Präzidenzlosigkeit der Shoah zum Beispiel weil da ja auf etwas sehr Konkretes verwiesen wird und das wird eben verwässert damit dass man einfach an alle Opfer von allen gedenken.
00:18:48: Was ist das Brisante daran wenn man so konkret wird?
00:18:53: Ja, wenn man konkret wird dann betrifft es auch immer konkrete personengesellschaftliche Initiativen, Vereine, Firmen.
00:19:02: Also wenn wir über den Nationalsozialismus und die Taten sprechen zu einer Tat gehören immer Täter und Opfer.
00:19:09: das heißt man muss sich damit beschäftigt wer hat daran eigentlich Anteil genommen an einer Tat?
00:19:14: Und dann betriftest eben die Menschen in ihren Familien diese Dinge vielleicht nie kritisch bearbeitet haben, denen das aufstößt.
00:19:24: Die Bilder von Ihren Verwandten vielleicht korrigieren müssten oder ergänzen müssten.
00:19:29: Das betrifft aber auch Erbschaften und das betrifgt Firmen die heute noch aktiv sind.
00:19:37: Es betrifzt sowas wie Straßen haben also es betrifbt sehr viele lebenswärtliche Bereiche und wirkt auf einzelnen dann vielleicht bedrohlich.
00:19:47: Und ich denke schon, dass da auch eine ganz alte Form von Erinnerungs- und Schuldabwehr mit beteiligt ist.
00:19:54: Welche Vorteile bringt dann diese Schuldabwehre individuell?
00:19:58: Wenn?
00:19:58: man kann ja sagen die Menschen, die heute leben waren ja konkret keine Täter!
00:20:03: weil sie in der Zeit ja nicht gelebt haben.
00:20:05: Also, haben Sie in dem Sinne keine Verantwortung dass die selber eine Tat begangen haben?
00:20:11: Also könnte man sich hier mit dieser Vergangenheit durchaus auseinandersetzen.
00:20:15: was bringt einem diese Schuldabwehr?
00:20:18: Ja ich weiß gar nicht ob man das so rum sozusagen diskutieren sollte was es einem beringt weil erstmal ist es ja auch ein Form von Affekt.
00:20:26: Ich glaube dass viele eben noch dieselben Namen tragen, wie die Täter das viele in den Familien aufgewachsen sind mit bestimmten Geschichten.
00:20:35: Mit Mythen und vielleicht aus sehr positiv gefärbten Geschicht über die eigenen Verwandten, die damit irgendwie auch angegriffen werden.
00:20:43: Also dass man sagen da dieses Erbe sagen nicht kritisch bearbeiten möchte sei es jetzt auf städtischer Ebene im Stadtraum oder auch ganz konkret in der Familie.
00:20:54: Und ich glaube Deswegen auch einigen dann einfach aufstößt, weil sie da vielleicht auch etwas stoßen, was mit ihnen zu tun hat.
00:21:02: Und Sie merken ich trage das immer fort.
00:21:04: und letztendlich geht es ja dann noch mal auf die politische Ebene wo man sagen kann dass bestimmte politische Kräfte eben auch zu den Wiedergängern dieser Nationalsozialisten gehören oder eben da auch einen positiven Bezug herstellen wollen.
00:21:19: Ich glaube somit geht es eigentlich noch einen Schritt weiter.
00:21:23: da durchaus auch den Nationalistismus von der Schuld befreien will und sich vielleicht auch wieder positiver darauf beziehen möchte.
00:21:32: Wie kann oder soll man als Demokrat in jetzt mit der Entscheidung der Stadt Heidenau umgehen?
00:21:38: Der sächsische Ministerpräsident hat zum einen diese Entscheidung zum Beispiel kritisiert, zum anderen aber gesagt ja es ist aber das gute Recht der Stadt zu entscheiden was sie für richtig hält sehr uneindeutig gezeigt.
00:21:54: Was wurden Sie sagen?
00:21:55: Wie sollte man angemessen damit
00:21:57: umgehen?".
00:21:59: Also ich denke, dass die Initiativen und Menschen vor Ort schon ganz gute Wege finden und gefunden haben, damit umzugehen – es gab ja auch eine weltweite Aufmerksamkeit auf die Stadt Heidenau jetzt.
00:22:11: Viele haben sich dazu geäußert.
00:22:13: Ich selber muss sagen, ich bin mir gar nicht sicher ob eigentlich in der Stadt Heidinau ein Bewusstsein darüber vorherrscht, was das sozusagen weltweit auch ein Echo auslösen würde und was es für Reaktionen geben würde.
00:22:27: Ich habe selber in den Tagen dieser Nachrichten eine Nachricht eines Freundes aus Israel bekommen der als Kind den Holocaust überlebte und während sozusagen einen Großteil seiner Familie von die Nazis ermordet wurde und er schrieb mir eben einfach den Satz so fängt es an.
00:22:45: Man darf sich nicht darüber enttäuschen, dass das weltweit auch auf die ehemals verfolgten und auf der Nachkommen und Angehörige wirkt.
00:22:53: Und dessen sollte man sich glaube ich bewusst sein.
00:22:56: In Haydnau selber hat ja der Verein Akubitz einen Mahngang danach initiiert wo zweieinhalb Menschen gekommen sind.
00:23:03: also da gibt es dann schon auch eine gewisse zivilgesellschaftliche Antwort auf diese Vorgänge.
00:23:11: auch nochmal sehr klar gemacht wurde, dass diese Argumente – warum man die Storpersteine nicht haben will?
00:23:16: Also die offiziellen Argumnte vorgeschoben sind.
00:23:19: Das hat man glaube ich gut dargestellt und ich glaube interessant wird jetzt welche Formen des Gedenkens man weiterhin vor Ort findet denn es gibt ja Menschen denen das ein Anliegen ist und die da weiterhin auch gedenken wollen und für die das auch mit einem Aktualitätsbezug in Verbindung steht ganz klar.
00:23:39: Und da es dann, glaube ich die Frage wird man an diese Entscheidung noch mal rütteln können.
00:23:44: Wird man eventuell auch juristisch dagegen vorgehen können?
00:23:47: Da gibt's einige Initiativen für.
00:23:49: das weiß ich kann nicht als ich bin kein Jurist.
00:23:52: Ich kann nicht sagen wie erfolgreich das sein könnte.
00:23:55: aber eventuell wird man eben auch wieder zurückkommen zu Formen des Gedenkens Die weniger institutionalisiert sind die vielleicht spontaner sind die anders im öffentlichen Raum stattfinden für die es vielleicht am Ende auch keine Genehmigung geben wird.
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